Es ist ein Montagabend im Oktober in der Toskana. Den ganzen Tag über hatte es mehr als 20 Grad und Sonnenschein. Am Abend bin ich auf dem Weg in ein – von der Papierlage her – tolles Restaurant. So stelle ich mir einen perfekten Urlaubstag vor.
Als Vegetarier ist das allerdings nicht immer ganz einfach. Letztes Jahr war ich in Nordspanien, in der Gegend um San Sebastián und Bilbao. Trotz der vielen Sterne-Restaurants gab es dort kein einziges, das ein vegetarisches Menü angeboten hat. Generell ist Nordspanien kein gutes Reiseziel für Vegetarier. Ähnlich war es dieses Jahr in Südtirol. Ich habe mir fast alle Sterne-Restaurants in Südtirol angesehen, aber keines hatte ein vegetarisches Menü auf der Homepage.
Daher war ich ziemlich überrascht, als ich mir die Sterne-Restaurants in der Toskana zwischen Florenz und Siena ansah. In der näheren Umgebung meiner Unterkunft gab es zwei Ein-Sterne-Restaurants, ein Zwei-Sterne-Restaurant und sogar ein Drei-Sterne-Restaurant in Florenz, die alle ein vegetarisches Menü auf ihrer Homepage angeboten haben.
Nach etwas Recherche und Abwägung fiel meine Entscheidung auf das Ristorante Arnolfo, das in einem kleinen Örtchen etwa 30 Minuten nördlich von Siena liegt. Küchenchef Gaetano Trovato arbeitet seit 1982 im Familienrestaurant Ristorante Arnolfo. Er führt das Restaurant zusammen mit seinem Bruder Giovanni Trovato. Im Jahr 2022 ist das Restaurant aus dem Dorf in einen Neubau auf dem Hügel neben dem Dorf gezogen.
Außer dieser Information und der Auszeichnung mit zwei Sternen im Guide Michelin ist mir wenig über das Restaurant bekannt. Lediglich, dass es drei verschiedene Menüs (Fleisch, Fisch und vegetarisch) gibt, die jeweils 200 Euro kosten.
Arnolfo Ristorante, Colle di Val d’Elsa, Italien
Zurück zum Montagabend: Das Taxi fährt mich durch eine große Gartenanlage und ich erblicke das neu gebaute Restaurant.
Der Anblick ist beeindruckend. Durch die hell beleuchteten Fenster sieht man im ersten Stock den Gastraum und dahinter die Küche, die nur durch eine Theke abgetrennt ist. Unterhalb des Gastraums ist das Erdgeschoss zu sehen, in dem sich eine weitere Küche befindet.
Der Fußweg zum Restaurant führt über einen verwinkelten Weg zu einer bestimmt fünf Meter hohen Tür, neben der die Auszeichnungen des Restaurants aufgehängt sind.
Der Gastraum besticht durch seine hohe Deckenhöhe, klare Strukturen aus Glas, Stahl und Stein sowie einige ausgewählte Kunstwerke. Die Tische sind weit auseinandergestellt, sodass man nichts von den Nachbartischen hört, jedoch etwas Klappern aus der Küche.
Das Restaurant ist eher nüchtern als gemütlich eingerichtet. Mir gefällt dieser Stil sehr gut. Ich kann mir vorstellen, dass es mit Ausblick aus der riesigen Fensterfront im Sommer noch beeindruckender ist.
Für mich ist vor allem der Ausblick auf die Küche entscheidend. Von meinem Tisch aus hat man einen sehr guten Blick auf den Pass, wo die letzten Handgriffe vorgenommen werden. Küchenchef Gaetano Trovato ist auch an diesem Montagabend vor Ort, überwacht den Pass und führt teilweise die letzten Handgriffe selbst aus. Außerdem begrüßt er alle Gäste nach und nach persönlich, was mir gut gefällt.
Überraschenderweise findet man die Speisekarte ausschließlich über einen QR-Code. So etwas habe ich in einem Sterne-Restaurant noch nicht erlebt. Allerdings erhalte ich ein iPad, mit dem ich die Speisekarten und die Weinkarte ansehen kann. Bei einer großen Weinkarte leuchtet mir das Vorgehen mit dem iPad und dem QR-Code noch ein. Ansonsten finde ich es etwas ungewöhnlich. Vor allem, weil ich im Laufe des Abends noch das ausgedruckte Menü in einem schönen Umschlag mit der Unterschrift des Küchenchefs erhalte.
Das trübt meine Laune jedoch nicht. Dazu trägt vor allem der Service an diesem Abend bei. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sprechen perfektes Englisch, sind freundlich und auch zu Scherzen aufgelegt. Man merkt, dass dieses Restaurant viel Erfahrung mit internationalen Gästen hat. Trotz der Routine spüre ich den ganzen Abend über Herzenswärme bei allen Servicemitarbeiterinnen und -mitarbeitern.
Das Menü
Ich entscheide mich für das vegetarische Menü für 200 Euro und die „normale” Weinbegleitung für 140 Euro. Für 220 Euro hätte ich auch eine exklusive Weinbegleitung bekommen können, für 70 Euro eine antialkoholische Begleitung. Letzteres finde ich insbesondere hier – mitten in der Toskana – beeindruckend.
Für andere Gäste ist vielleicht interessant, dass man die Menüs aus Fleisch und Fisch nicht mischen kann. Das heißt, man muss sich entweder für das Fleisch- oder das Fischmenü entscheiden. Das hat mich etwas überrascht.
Mit einem Glas Franciacorta, der es locker mit einem Champagner aufnehmen kann, warte ich auf das vegetarische Menü.
Als erstes „Welcome from the Brigade“ gibt es Grissini und anderes Knabberzeug sowie jeweils ein Focaccia mit Zwiebeln und Tomaten. Sowohl die Zwiebeln als auch die Tomaten sind von herausragender Qualität und tollem Geschmack. Der Teig ist mir einen Tick zu dick, aber dennoch gut gemacht.
Als zweites „Welcome from the Brigade“ werden gleich sechs kleine Teller mit verschiedenen Grüßen aus der Küche serviert. Darunter befinden sich (von rechts unten nach links unten) eine Teigtasche mit Karottencreme, eine Teigtasche mit Rettich und Apfel sowie eine Schüssel mit Kürbis und Mandeln. In der oberen Reihe befinden sich auf einem Teller verschiedene Zubereitungsarten von Zucchini sowie eine marinierte Melone und eine ebenfalls marinierte Aubergine.
Bis auf die Melone, die eingelegt einen tollen, intensiven Geschmack aufweist, ist das noch nicht überragend. Außerdem sind einige Gerichte eigentlich warm, durch die lange Dauer beim Servieren von sechs Tellern an zwei Plätzen sind diese jedoch etwas abgekühlt. Das ist etwas schade und spricht vielleicht dafür, diese Kleinigkeiten doch nacheinander zu servieren.
Dann kommt der Brotwagen und bringt noch mehr Focaccia, Sauerteigbrot und Sauerteigbrioche. Das Brioche ist gut, kommt aber nicht an das Brioche aus der Brotique in Stuttgart heran. Dafür fehlt es ihm etwas an Feuchtigkeit im Teig. Das Focaccia mit etwas hausgemachter Butter ist hingegen herausragend gut.
Als letzten Gruß aus der Küche gibt es einen Caponata-Salat aus Sizilien. Er enthält unter anderem Aubergine, Zucchini, Mandeln und Rosinen. Das Gericht wird mit einem warmen Tomatensud aufgegossen. Dieser schmeckt sehr intensiv und hüllt die anderen Zutaten mit einer leicht süß-säuerlichen Note regelrecht ein. Auch die anderen Zutaten sind von toller Qualität. Das Ergebnis ist phänomenal – intensive, perfekt abgeschmeckte Gemüsenoten – mein Lieblingsgang des Abends. Es gefällt mir sehr, ein klassisches italienisches Gericht auf ein solches Niveau gehoben zu sehen. Große Klasse!
Das Mediterranean Giardiniera als erster Gang des Menüs geht in eine ganz ähnliche Richtung. Giardiniera ist ein italienisches Rezept für in Essig und Öl eingelegtes Gemüse. Für dieses Gericht wurden Lauch, Karotte, Sternfrucht und diverse Kräuter in Essig und Öl eingelegt und dann mit einer Art Ceviche-Soße übergossen, die mit Honig abgeschmeckt wurde. Das Ergebnis ist erneut herausragend. Es ist bemerkenswert, ein eigentlich so einfaches italienisches Gericht so hervorragend umzusetzen. Dadurch nimmt man diese Gemüsesorten auf eine völlig andere Art wahr. Das ist erneut sehr, sehr gut.
Dazu gibt es einen Riesling vom deutschen Weingut Moritz Kissinger aus dem Jahr 2022. Es handelt sich zudem um einen Naturwein. Beides finde ich bemerkenswert. Der Wein mit schöner Kräutigkeit und starker Säure passt wunderbar zu dem ebenfalls sauren Gericht.
Als nächsten Gang gibt es Eggplant, Avocado, Leek. Star des Tellers ist die vegetarische Soße, deren Komponenten ich nicht erschmecken konnte, die aber wahnsinnig intensiv schmeckt. Die eckigen Auberginenstücke sind toll glasiert und wurden vermutlich im Ofen zubereitet. Der Lauch schmeckt herrlich intensiv mit tollem Röstaroma. Die Kleckse sind ebenfalls aus Aubergine, tragen aber, ebenso wie die kleinen Avocado-Kleckse, wenig zum Gesamtbild bei. Dennoch ist es allein wegen Soße, Aubergine und Lauch ein toller Gang.
Noch besser ist der Rosato 2020 vom Weingut Terrazze dell’Etna aus Sizilien. Er begeistert mit schöner Mineralität und frischer Säure. Einer der wenigen Roséweine, die ich sofort noch einmal trinken würde.
Als Zusatzgang habe ich für 30 Euro natürlich Nudeln mit Butter und weißem Alba-Trüffel bestellt. Der Küchenchef Gaetano Trovato reibt den Trüffel persönlich am Tisch auf die Nudeln – und dabei wird nicht gespart. Das Ergebnis ist phänomenal. Die selbstgemachten Nudeln sind perfekt, natürlich italienisch al dente, also sehr bissfest, und haben einen intensiven Geschmack nach Butter und Trüffel.
Es ist wirklich schade, dass ich das Gericht ab heute wohl nicht mehr im Italiener um die Ecke bestellen kann. Denn zwischen diesem Meisterwerk und allem, was ich bisher gegessen habe, liegen Welten.
Als dritter Gang wird Filled Pappardella, Ricotta Cheese, Hazelnut, Chanterelle Mushroom serviert, also gefüllte Pappardelle mit Ricotta-Käse, Haselnuss und Pfifferling. Die Pfifferlinge sind der Star des Tellers. Ich habe diese bisher nicht in einer solchen Qualität bekommen. Ich weiß nicht, wie das in der Küche geschafft wurde, aber das ist eine neue Referenz für Pfifferlinge – mehr Pilzgeschmack geht nicht. Das Ricotta in den gefalteten Pappardelle ist mit Kefir angemacht und bietet eine tolle Säure. Auch dieser Gang verdient einen Superlativ.
Dazu gibt es einen Bolgheri Rosso 2020 vom Weingut Tenuta Meraviglia direkt von der Küste der Toskana. Die süßen Tannine und der fruchtige, würzige Geschmack passen sehr gut zu diesem Gang. Einen Bonuspunkt gibt es von mir dafür, dass es im vegetarischen Menü Rotwein gibt, was in Deutschland eher selten der Fall ist.
Als vierten Gang, quasi als Hauptgericht, gibt es Egg, Vegetable Flan, Zucchini, Flower, also Ei, Gemüseflan, Zucchini und Blume. In der Mitte befindet sich eine Art Gratin aus Kartoffeln, auf dem sich ein frittiertes Gebilde mit Eigelb befindet. Das Gericht ist ganz gut, aber für mich nicht überragend. Mich irritiert der intensive Geschmack von Tomatenmark. Im Vergleich zu den ersten beiden Traditionsgerichten fehlt mir bei diesem Gang das gewisse Etwas, um das Gericht auf Sterne-Niveau zu heben.
Dazu wird ein Chianti Classico aus dem Jahr 2019 vom Weingut Castello dei Rampolla serviert, der erneut ein Naturwein ist und ebenfalls aus der Toskana, diesmal aus dem Chianti-Gebiet, stammt. Er ist sehr warm und sanft und hat einen intensiven Geschmack nach Brombeere. Ebenfalls sehr gut.
Überraschenderweise gibt es sogar einen Käsewagen mit Käse aus der Toskana. Ich entscheide mich für einige sehr intensive Kuh- und Schafskäse. Auch guten Käse können sie in der Toskana herstellen.
Als erstes Dessert gibt es Raspberry, Licorice, Meringue, also Himbeere, Lakritz und Baiser. Das Baiser liegt neben der Schale und schmeckt sehr himbeerig. Die Creme schmeckt nur ganz leicht nach Lakritz. Selbst mir, der ich kein großer Fan von Lakritz bin, gefällt sie. Ein sehr leckeres und leichtes Dessert!
Als zweites Dessert steht Melon, Salted Caramel, Passito auf der Speisekarte, also eine Kombination aus Melone, gesalzenem Karamell und einem italienischen Strohwein. Das Ergebnis ist ein klasse Dessert mit mehreren Cremes aus intensiv schmeckendem Salzkaramell mit wenig Süße und dem sehr süßen Strohwein. Das Meloneneis mit viel Fruchtgeschmack passt ebenfalls sehr gut dazu. Ein würdiger Abschluss des Menüs.
Am Ende gibt es zum Espresso noch fünf weitere Petits Fours, unter anderem mit Passionsfrucht, Pflaume, Haselnuss und Feige. Auch hier zeigt die Patisserie ihr Können: Jedes der Petits Fours ist sehr gut. Das kommt aus meiner Erfahrung eher selten vor.
Zu den Desserts gibt es keinen Wein in der Weinbegleitung, zu den Petits Fours jedoch wird ein Passito di Noto aus dem Jahrgang 2024 vom Weingut Planeta serviert. Es handelt sich um einen leicht süßen Wein mit einem schönen Geschmack nach Aprikose und Mango, der mit seiner Dickflüssigkeit fast ein eigenes Dessert sein könnte.
Fazit
Zum Abschluss des Abends werde ich noch zu einer Besichtigung des Weinkellers unter dem Restaurant eingeladen.
Der Weinkeller strotzt nicht nur vor einer Vielzahl von Weinflaschen, sondern ist auch äußerst ästhetisch eingerichtet. Die Sommelière nimmt sich viel Zeit, um die verschiedenen Weine und den Aufbau des Kellers zu erläutern. Einzig das am Schluss angepriesene „Geschenk”, das sich als Katalog im DIN-A3-Format eines Uhrenherstellers entpuppt, irritiert mich etwas.
Bemerkenswert an diesem Abend ist, dass ich mich nach dem Essen nicht komplett voll fühle. Oft bin ich nach einem so langen Menü sehr satt und kann die letzten Gänge gar nicht mehr genießen. Aber bei diesem Menü ist das – trotz der zwei Nudelgänge – anders. Das liegt vielleicht am vielen Gemüse und den wenigen Sättigungsbeilagen in den Gängen, vielleicht aber auch am viel verwendeten Olivenöl aus der Toskana.
Es war mein erster Besuch in einem italienisch geprägten Sterne-Restaurant und ich bin begeistert. Vor allem hat mir gefallen, dass Klassiker der italienischen Küche leicht neu interpretiert und auf ein höheres Niveau gehoben wurden. Mit Ausnahme des Hauptgangs und einzelner Grüße aus der Küche waren die Gänge herausragend. Auch die Weinbegleitung war auf diesem Niveau, obwohl ich nicht die Premium-Begleitung gewählt hatte. Der tolle Service hat den Besuch schön abgerundet.
Damit endet für mich der perfekte Urlaubstag in der Toskana. Ich glaube, ich muss in Zukunft noch einige Restaurants in der Toskana testen. Vegetarierinnen und Vegetarier sind – jedenfalls in dieser Ecke der Toskana – offensichtlich gerne gesehen.
Bewertung
- Essen 9/10
- Service 8/10
- Ambiente 8/10
- Gesamtwertung: 9/10
Anschrift
Arnolfo Ristorante
Viale della Rimembranza 24
Colle di Val d’Elsa, 53034
Italiena
arnolfo.com



















