Nach dem Besuch im Steirereck wollte ich in meinem Wien-Urlaub noch ein zweites Fine-Dining-Restaurant ausprobieren. Nachdem ich sowohl in München als auch in Wien das Tian kennengelernt hatte und mich das vegetarische Angebot in den anderen Wiener Michelin-Restaurants nicht überzeugt hatte, machte ich mich auf die Suche.
Seit fast zwei Jahren gibt es das JOLA in Wien. Jonathan Wittenbrink und Larissa Andres haben es sich zur Aufgabe gemacht, ausschließlich veganes Fine Dining anzubieten. Dass das funktioniert, bestätigen 16,5/20 Punkten und 3 Hauben im Gault&Millau und 89 Punkte im Falstaff.
Veganes Fine Dining ist in Deutschland noch eine Nische in der Nische des vegetarischen Fine Dining. Im Sternebereich gibt es ein veganes Menü im Restaurant Lafleur in Frankfurt, das ich letztes Jahr besucht habe. Auch Tim Raue bietet ein veganes Menü an. Die einzigen rein veganen Sternerestaurants in Deutschland sind – nach meinem Wissen – das Seven Swans in Frankfurt und – seit diesem Jahr – das Bonvivant in Berlin. In Wien bietet das Tian sein vegetarisches Menü auch in einer veganen Variante an.
Ich bin gespannt, wie sich das JOLA dieser Herausforderung stellt. Nachdem ich die Berichte über das JOLA gelesen hatte, war meine Vorfreude auf das JOLA fast noch größer als auf das Steirereck.
JOLA, Wien
Von außen ist das JOLA unscheinbar. Nur ein Schild und eine Fußmatte weisen auf das Restaurant hin. Für einen Moment denke ich, dass man vielleicht sogar klingeln muss, um ins Restaurant zu kommen. Doch dann öffnet sich die Tür als ich dagegen drücke.
Der erste Eindruck beim Eintreten: Es ist sehr klein. Nur acht Tische stehen im Gastraum, der fast nahtlos in die offene Küche übergeht. Auch stehen die Tische sehr eng beieinander, ganz anders, als man es von Fine Dining gewohnt ist. Ich brauche ein paar Minuten, um mich daran zu gewöhnen.
Die Tische sind schlicht, aber geschmackvoll gedeckt. Auch der Rest des Restaurants ist elegant eingerichtet, zwei große Spiegel auf beiden Seiten schaffen zumindest optisch etwas mehr Raum.
Auf dem Tisch liegt bereits ein kleines Informationsblatt, das allerdings nicht die Speisekarte enthält, sondern nur über Preise und Getränke informiert. Jeden Abend gibt es ein Überraschungsmenü, so dass man sich nur für die Getränke entscheiden muss. Ich nehme die Weinbegleitung, die zu jedem zweiten Gang serviert wird.
Die vom freundlichen Service angebotene Auswahl der Aperitifs ist übersichtlich: Es gibt nur einen Champagner, ein Bier und ein alkoholfreies Getränk. Ich wähle den Champagner Miniscule vom Weingut Jeam Marie Massonnot, eine Cuvée aus 40 % Meunier, 35 % Chardonnay, 25 % Pinot Noir 60 %; ein schöner, fruchtiger Einstieg ins Menü.
Das Menü
Das Menü beginnt mit einigen Grüßen aus der Küche. Am Ende des Abends erhält man eine kleine Speisekarte. Dort steht zu den Amuse-Gueule: Kroatische Orange und Salbei I Bisque I Safran sowie Kürbis I Mimi Ferments. Die Orange schmeckt sehr intensiv fruchtig und ist mit Safran bestrichen, der die Süße der Frucht noch verstärkt. Dazu gibt es Buchweizencrumble für das schöne Mundgefühl. Auch die Kürbisbisque mit Misopaste schmeckt intensiv und vollmundig, passend an diesem kalten Januarabend. Das Highlight sind für mich die frittierten Salbeiblätter, die mit kleinen Safran- und Yuzu-Klecksen garniert sind. Ein neues Geschmackserlebnis. Der erste Eindruck lässt auf einen spannenden Abend hoffen.
Die zweite Runde der Grüße aus der Küche steht auf der Karte mit Topinambur | Kohlsprosse und Topinambur Krokette und Flower Sprout I Schwarzer Knoblauch | Tostada Maíz. Warum das kleine Törtchen nicht aufgeführt ist, weiß ich nicht. Warum das kleine Törtchen nicht aufgeführt ist, weiß ich nicht. Zuerst gibt es eine Art Topinambur-Tatar mit feinen Salatblättern und Kürbiskernen. Gut und lecker. Die Topinamburbällchen schmecken wie feine Kroketten, ebenfalls gut. Das kleine Törtchen aus Kürbis und mit Sojapaste bestrichen, überzeugt mich nicht . Irgendwas stimmt mit der Konsistenz nicht, teilweise habe ich etwas harte Stücke im Mund. Der Taco mit Flower Sprout schmeckt dagegen super frisch und gemüsig. Flower Sprout ist eine Kreuzung aus Rosenkohl und Grünkohl, aber für mich schmeckt es vor allem nach Grünkohl.
Der erste Gang des Menüs heißt Rote Rübe I Birne | Feigenblatt und zeigt nun in etwas größerer Portion das Können der Küche. Das Rote-Bete-Tartar ist mit einem feinen Gelee aus weißem Portwein überzogen, das allein schon sehr intensiv und kräftig ist. Das Highlight sind die Birnenpaste mit Haselnüssen aus dem Piemont. Ich habe selten so gute intensive Haselnüsse gegessen, deren Geschmack von dem Birnen-Gelee noch verstärkt wird. Es fällt schon bei diesem Gang auf, dass in der Küche viel Salz verwendet wird. Nicht zu viel, aber doch so viel, dass nach fast jedem Gang ein salziger Nachgeschmack bleibt.
Der erste Gang der Weinbegleitung, die ausschließlich aus Naturweinen besteht, ist ein EX VERO I S vom Weingut Werlitsch aus dem Jahr 2024. Der Wein passt mit seiner leichten Restsüße und dem leicht schwefligen Geschmack hervorragend zum Gericht.
Der zweite Gang wird als Dim Sum I Szechuanpfeffer bezeichnet. Neben einem mit Tofu gefüllten Dim Sum gibt es eingelegte Birnenstreifen, Rote-Beete-Sauce, Haselnusscrumble und Szechuanpfeffer. Die Dim Sum sind handwerklich perfekt, die Tofu-Füllung eine geschmackliche Meisterleistung. Es schmeckt als wäre das Dim Sum mit Speck gefüllt. Sehr, sehr gut.
Der dritte Gang ist Kohl | Schalotte I Hefe. In der Schüssel befinden sich gegrillter Schwarzkohl und eine karamellisierte Schalotte, dazu eine Sauce aus Schwarzkohl. Neben der Schüssel liegt eine Kartoffelkugel, die wiederum mit Tofu gefüllt und mit Kraut garniert ist. Das Highlight des Gerichts ist die karamellisierte Schalotte, die wunderbar mit dem süßen Schwarzkohl harmoniert.
Dazu gibt es aus Italien vom Weingut Fabbrica di San Martino einen Costa Toscana Bianco aus dem Jahr 2022 mit Trauben von Malvasia, Trebbiano und Vermentino, der ebenfalls sehr gut zu den Gerichten passt.
Der nächste (vierte) Gang heißt etwas irreführend Tafelspitz | Kren. Die Idee des Ganges – so die Erklärung des Servicepersonals – ist, dass hier das Gemüse serviert wird, das üblicherweise zum Tafelspitz gereicht wird. So finden sich auf dem Teller Wurzelgemüse mit Kräutersaitlingen, eine Meerrettichsauce (Kren) und – auf dem Foto nur schemenhaft zu erkennen – ein Brötchen mit Meerrettich und Apfel. Das Brötchen ist locker und schmeckt fast wie ein Germknödel. Am besten ist das Gericht, wenn man das Brötchen in die Meerrettichsauce tunkt. Das Gemüse ist gut, aber auch hier eher Beilage als Hauptgericht.
Gang Nummer fünf wird als Agnolotti | Wintergrün | Pfeffer in der Speisekarte aufgeführt. Es gibt Agnolotti, also eine Art Ravioli, gefüllt mit Spinat, dazu Lorbeeröl und junger Spinat. Ein schönes Nudelgericht, wieder salzig abgeschmeckt, aber auf gutem Niveau.
Dazu gibt es jetzt einen roten Sangiovese vom Weingut Balenaia, Toscana Rosso, Jahrgang 2022. Ein tanninreicher Wein, der besonders gut zum nächsten Gang passt.
Der sechste Gang und quasi das Hauptgericht ist Igel-Stachelbart | Wintersalate | Trüffel und – so viel sei vorab verraten – das beste Gericht des heutigen Abends. Der Igel-Stachelbart ist ein in Europa vom Aussterben bedrohter Speisepilz, den das JOLA jedoch aus einer Zucht bezieht. Ich habe den Pilz noch nie gegessen und bin beeindruckt. Der zarte, leicht fleischige Geschmack wird durch die Madeira-Glasur, die Trüffelsauce und das Grillen perfekt verstärkt. Die Konsistenz ist im Anschnitt leicht zäh, im Mund aber fein. Auf dem gleichen Niveau bewegen sich das butterzarte Stück Polenta mit Trüffel und die Radicchio-Bällchen. Wow!
Das Pre-Dessert heißt schlicht Apfel I Koji. Es besteht aus einem karamellisierten Apfelstück, einem Koji-Reis-Eis, einer Karamellsoße und Apfelcreme. Das Eis schmeckt hervorragend und Apfel und Karamell passen gut zusammen. Ein schöner Einstieg in den süßen Teil des Abends.
Zu den Desserts wird ein Sauvignon Blanc Sekt vom Weingut Frau Zuschmann aus Österreich serviert, der mir sehr gut schmeckt. Eine schöne Idee, das Menü noch einmal mit einem prickelnden Getränk aufzulockern.
Das Dessert nennt sich Clementine | Original Beans Virunga | Nelke. In dem Schälchen mit vielen Clementinenschalen befindet sich eine gebackene Clementinenschale, die mit Schokolade überzogen ist. Sie ist beim Kauen etwas hart, schmeckt aber intensiv nach Clementine.
Auf dem Teller findet man reichlich Schokoladensauce, dazu kleine Stücke kroatischer Clementinen, die geflammt wurden, und weitere Schokoladenstückchen. Frucht und Schokolade geht immer, vor allem bei hoher Qualität der Produkte. Es ist ein gutes Dessert ohne Überraschungen.
Als Petit Fours gibt es Cannelé | Nougatknödl | Vanille & Olivenöl | Tartelette. Der Nougatknödel ganz rechts ist eine Hommage an die Wiener Mehlspeisen und sehr lecker. Das Tartelette schmeckt vor allem nach Kardamom und fällt etwas ab. Perfekt sind die Cannelé, die man am liebsten im Zehnerpack mitnehmen möchte. Genial ist das Vanilleeis mit Olivenöl. Die starke, intensive Vanillenote wird vom Öl perfekt aufgenommen. Starker Abschluss des Menüs.
Fazit
Das JOLA ist eine wunderbare Entdeckung in Wien. Ich habe den ganzen Abend nicht einmal gemerkt, dass das Essen nicht vegetarisch, sondern vegan ist. Die Küche ist kreativ, spannend und lecker. Einzig der manchmal etwas intensivere Einsatz von Salz fällt auf. Für mich nicht zu viel, aber bemerkenswert. Das tut der Qualität der Küche aber keinen Abbruch. Es war veganes Fine Dining auf sehr hohem Niveau.
Die Enge im Restaurant war mir etwas zu viel. Wenn man mehrmals am Abend von Nebensitzer*innen angerempelt wird, wenn diese sich umdrehen oder der Service an einem vorbei muss, dann ist mir das etwas zu nah beieinander und schmälert einen kulinarisch hervorragenden Abend. Ich verstehe natürlich die betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, aber für zu wenig Privatsphäre bin ich zu alt.
Das Service-Team war sehr freundlich, locker und immer präsent; überhaupt nicht aufdringlich, wie man es manchmal von Szene-Restaurants gewohnt ist, sondern dem hohen Niveau des Essens angemessen. Interessant war, dass die Köch*innen ab und zu die Speisen servieren und sich Zeit für Gespräche mit den Gästen nehmen. Man kann auch jederzeit in der Küche und am Pass zuschauen, was sehr spannend ist.
Alles in allem ein toller Abend. Das JOLA wird hoffentlich noch lange eine Bereicherung für die Wiener Restaurantszene sein. Das JOLA-Team hat jedenfalls große Pläne und wird im Laufe des Jahres 2025 ein zweites Restaurant, das Lara, eröffnen, in dem ebenfalls vegane Gerichte angeboten werden, der Fokus aber nicht auf Fine Dining liegen wird. Dafür und für das JOLA kann man nur viel Erfolg wünschen.
Bewertung
- Essen 9/10
- Service 9/10
- Ambiente 6/10
- Gesamtwertung: 8,5/10
Anschrift
Restaurant JOLA
Salzgries 15
A-1010 Wien
Österreich
jola.wien













