Für meinen Aufenthalt in London hatte ich mir als zweites Restaurant das Plates Restaurant ausgesucht. Auch dieses ist mit einem Stern im Guide Michelin ausgezeichnet. Es ist eines von nur neun Restaurants in Europa, das ausschließlich vegan kocht und mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist. Nach dem tollen Erlebnis im JOLA in Wien, das zwischenzeitlich einen Stern erhalten hatte, wollte ich auch in London vegane Küche auf Sterneniveau ausprobieren.
Plates Restaurant, London, England
Die Reservierungen erfolgen immer zwei Monate im Voraus für die nächsten zwei bis drei Monate. Als ich am Reservierungstag um 8 Uhr reservieren wollte, waren alle Plätze für das erste Seating um 17 Uhr bereits ausgebucht. Somit blieb mir nur das zweite Seating um 21:15 Uhr.
Das Plates liegt im Stadtteil Shoreditch und verfügt nur über wenige Tische. Bei der Reservierung kann man zwischen einem 8- und einem 11-Gang-Menü wählen. Das 11-Gänge-Menü kostet 130 £, wobei 60 £ bereits bei der Reservierung als Anzahlung geleistet werden müssen. Die 11 Gänge werden zudem nur am sogenannten Chef’s Counter serviert. Da ich so schnell nicht wieder hinkommen werde, habe ich mich für das große Menü entschieden.
Ich dachte, der Chef’s Counter wäre ein Tresen, der direkt an der Küche steht. Dort gibt es auch drei Plätze. Zum Chef’s Counter zählt allerdings auch ein Hochtisch hinter dem Tresen. Von dort hat man zwar einen Blick auf die Küche, aufgrund der anderen Gäste ist die Sicht jedoch etwas eingeschränkt.
Im Plates ist es, bedingt durch die geringe Größe und die eng gestellten Tische, sehr laut und trubelig. Da ich zwischen Küchentresen und Eingang sitze, ist es bei mir besonders umtriebig. Die Atmosphäre ist gelöst und freudig. Man hat eher das Gefühl, in einem Wirtshaus zu sitzen, als in einem Fine-Dining-Restaurant. Natürlich gibt es auch hier keine gestärkten weißen Tischdecken.
Nach der Begrüßung muss ich mich glücklicherweise nur noch für die Getränke entscheiden. Neben einem normalen Wein-Pairing werden auch ein exklusives Wein-Pairing und eine alkoholfreie Weinbegleitung angeboten. Ich entscheide mich für die reguläre Weinbegleitung für 75 £.
Mit einem Champagner von Lamiable als Aperitif in der Hand starte ich ins Menü.
Das Menü
Als Gruß aus der Küche werden ein Dashi mit Pilzen und Erbsen sowie eine mit saurer Flüssigkeit gefüllte Praline aus Kürbis serviert. Das Dashi ist hervorragend und schmeckt erdig und pilzig. Die Praline hat außer der Überraschung mit der kalten Flüssigkeit innen wenig Geschmack.
Als ersten Gang des Menüs gibt es Tortilla of pickled rhubarb, cauliflower fungus & coriander. Der Rhabarber überlagert den Geschmack schon sehr deutlich, den Pilz „Krause Glocke” merke ich vor allem in der Textur. Dennoch ein schöner Einstieg und eine lustige Überraschung, dass ich zwei Tage nach meinem Besuch im KOL erneut einen Taco in einem Sternerestaurant bekomme.
Die Weinbegleitung gibt es nur zu etwa jedem zweiten Gang, ansonsten wäre das bei elf Gängen auch zu viel. Die erste Begleitung ist ein Cidre aus Frankreich, der aus Birnen von Eric Bordelet stammt und Poiré Granit Poiré de Poiriers Ancie heißt. Die Süße ist bei diesem Cidre ganz gut ausbalanciert. Ein großer Cidre-Fan werde ich aber nicht mehr.
Als nächstes wird der Brotgang serviert: House laminated sourdough bread, whipped cultured butter, tomato miso & broth. Sowohl die Butter als auch das Brot aus einer Art Blätterteig sind fantastisch. Die Butter wird aus fermentiertem Miso aus Cashew-Nüssen und Kokosnuss hergestellt und schmeckt unglaublich buttrig. Ich würde sie sofort als Butter-Ersatz kaufen. Auch der Blätterteig schmeckt, als bestünde er ausschließlich aus Butter, und ist dabei fluffig und weich. Das ist beeindruckend für ein veganes Restaurant.
Als nächsten Gang gibt es Smoked almond ricotta, avocado & mandarin. Oben auf liegt ein Granité aus Mandarinen, darunter befindet sich eine Creme aus Mandel-Ricotta und Avocado. Es schmeckt sehr intensiv nach Mandel und Avocado. Durch das Granité geht es aus meiner Sicht aber sehr in Richtung Dessert. Ein von der Menü-Reihenfolge her ungewöhnlicher dritter Gang, der aber handwerklich gut gemacht ist.
Dazu wird ein Posca Bianca vom Weingut Orsi Vigneto San Vito aus Italien serviert. Es handelt sich um einen etwas bitteren Orange-Wein mit starkem Geschmack nach Orangenzeste. Für mich gewöhnungsbedürftig.
Als Nächstes steht Barbecued maitake mushroom, black bean mole, kimchi, aioli & puffed rice auf der Karte. Erneut steht ein Pilz im Mittelpunkt, diesmal der gemeine Klapperschwamm, von dem ich bisher noch nichts gehört hatte. Er ist mariniert, gegrillt und mit einer Soße aus schwarzen Bohnen übergossen. Darüber finden sich Kimchi und veganes Aioli, das mit gepufftem Reis garniert ist. Das Ergebnis ist hervorragend. Der Pilz hat tolle Grillaromen und festes Fleisch, die Soße ist dick und voller schwerer Aromen, während das Aioli eine bekannte Frische bietet. Dazu kommt noch der gepuffte Reis, der für einen knackigen Effekt sorgt. Eine sehr schöne Komposition.
Spannend ist, dass die Gänge an meinem Tisch oft direkt von den Köchen (kein gendern notwendig) serviert und erklärt werden. Auch Kirk Haworth, der Gründer und Chefkoch des Plates, serviert einige Gänge persönlich.
Der nächste Gang nennt sich English asparagus, strawberry, tomato, watermelon & thai basil. In demTomaten-Wassermelonen-Sud finden sich grüner Spargel, Erdbeere und Thai-Basilikum. Auch hier ist wieder eine deutliche Süße im Gericht, weshalb es mir etwas schwerfällt, den Gang nicht eher als Dessert einzuordnen. Der Spargel geht im Sud etwas unter. So ganz erschließt sich mir dieser Gang nicht.
Dazu wird ein Jurançon Cuvée Domaine von der Domaine de Souch aus dem Jahr 2022 eingeschenkt. Es handelt sich um einen klassischen Süßwein aus Petit-Manseng-Trauben. Lustigerweise hatte ich denselben Wein aus dem Jahrgang 2024 bereits vor zwei Tagen im KOL erhalten, damals allerdings zum Dessert. Zu diesem eher süßen Gang passt er ebenfalls gut. Ich persönlich würde jedoch keinen Süßwein während des herzhaften Teils servieren, vor allem wenn ohnehin nur fünf verschiedene Weine ausgeschenkt werden.
Dann folgt als nächster Gang Jersey royal potatoes, loquat, mint, sweet & sour apricot. Unten befindet sich ein Ragout aus Kartoffelstücken und Kartoffelcreme einer besonderen Kartoffelsorte von der britischen Insel Jersey. Darauf befinden sich Stücke von japanischer Wollmispel und Aprikose, sowie eine große Menge frische Minze. Die Zubereitung konnte ich live von meinem Tisch aus verfolgen. Das Ergebnis ist ein sehr gutes Kartoffelgericht mit intensivem Kartoffelgeschmack und viel Cremigkeit, das durch die sauren und süßen Früchte kontrastiert wird und durch die sehr intensive Minze noch einmal in eine frische Richtung geschoben wird. Lecker und ungewöhnlich.
Als kleinen Zwischengang gibt es White onion soup, plum & liquorice. Die Zwiebelsuppe unter dem Schaum ist herrlich intensiv und passt gut zu dem Pflaumengeschmack. Selbst für mich als nicht so großen Fan von Lakritze ist es ein spannender Gang.
Außerhalb der Karte wird ein Sorbet mit Ahornsirup, Tapiokaperlen, Hibiskus und Kaffernlimette serviert. Das ist zur Auflockerung vor dem Hauptgang nett, aber auch nicht mehr als ein etwas säuerliches Fruchtsorbet zur Öffnung des Magens.
Im Glas befindet sich nun ein Morgon aus dem Jahr 2024 vom Weingut Marcel Lapierre. Es handelt sich um einen Rotwein aus Gamay-Trauben mit einem sehr intensiven Aroma nach roten Früchten.
Als Hauptgang gibt es Caramelised lion’s mane, barbecued aubergine, salsa verde, romesco sauce, tokyo turnip & castelfranco. Es handelt sich um Igel-Stachelbart, den ich zuerst im JOLA kennengelernt hatte. Auch dort wurde er karamellisiert und gegrillt und zusammen mit Radicchio serviert.
Im Plates gibt es ebenfalls Radicchio, denn Castelfranco ist eine Radicchio-Sorte. Hier kommen noch Aubergine, Salsa Verde und Romesco-Sauce sowie etwas Rübe hinzu. Der Igel-Stachelbart ist erneut sehr gut mit einem fleischigen Geschmack und einer schönen Textur. Die Beilagen sind für sich genommen alle gut zubereitet, fallen aber etwas ab. Durch die Vielzahl der Komponenten ist nicht so richtig klar, wohin die Reise bei diesem Gericht gehen soll.
Als erster Dessert-Gang folgt Almond butter ice cream, chia pudding, jam & matcha. Neben den genannten Zutaten sorgen einige Mandelstücke für den Crunch. Das Ergebnis ist spannend und lecker. Allerdings geht der Begriff „Eiscreme” etwas zu weit, denn es schmeckt eher wie eine gekühlte Mandelbutter, was es jedoch nicht schlechter macht. Der intensive Matcha-Geschmack gibt dem Ganzen eine frische Note.
Dazu wird der Wein Marrote vom Weingut Guirardel serviert, ein Jurançon aus dem Jahr 2013, ein klassischer, intensiver Süßwein.
Als letzten Gang gibt es Flavours of banoffee pie. Banoffee Pie ist, so habe ich gelernt, ein britischer Kuchen aus Butter, Sahne, Bananen und Kondensmilch oder Dulce de Leche. Auch bei diesem Gang muss die Küche aus veganer Sicht also viele Zutaten ersetzen. Das Ergebnis ist jedoch hervorragend. Es schmeckt tatsächlich wie ein cremiger Butter-Sahne-Bananenkuchen, der sich unter dem Crumble aus Amaranth und dem Eis befindet. Es hat eine sehr intensive Bananennote und durch das Eis ergibt sich ein schöner Kontrast. Ein guter Abschluss.
Fazit
Auch im Plates wird der Rechnung noch eine optionale Service Charge von 13,5 % hinzugeschlagen. Positiv ist in London generell hervorzuheben, dass Wasser meistens kostenlos oder gegen eine geringe Pauschale abgegolten wird, sofern man kein spezielles Mineralwasser wünscht. Im Plates kostet das Wasser pro Person 2,75 £. Das ist kein Vergleich zu den 10 oder 12 €, die zwischenzeitlich in deutschen Fine-Dining-Restaurants für eine Flasche Wasser aufgerufen werden.
Das Essen im Plates war gut, an einigen Stellen, wie beim Klapperschwamm-Pilz- oder dem Kartoffel-Gang, sogar sehr gut. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, dass es im Plates darum geht, zu zeigen, welche nicht-veganen Produkte man mit viel guten Ideen und Arbeit ersetzen kann. Das funktioniert auch hervorragend. Aber dadurch fehlt vielleicht ein bisschen der Fokus darauf, was man eigentlich als Menü präsentieren möchte. Auch die insgesamt 13 Gänge machen das natürlich etwas schwieriger und gehen eher in Richtung Produktvorführung. Zudem war mir die Süße durch die Früchte in einigen herzhaften Gängen etwas zu viel.
Die Weinbegleitung mit fünf Gläsern zu dreizehn Gängen war nicht mein Fall. Das muss man jedoch einkalkulieren, wenn man sich dafür entscheidet. Es ist sicher auch nicht einfach, wenn der Wein zu immer zwei bis drei Gängen passen soll. Ich persönlich würde beim nächsten Mal wahrscheinlich eine Flasche guten, trockenen Weißwein bestellen.
Der Service war trubelig. Gerade dadurch, dass die Gänge immer wieder von unterschiedlichen Personen serviert wurden, konnte sich natürlich keine Beziehung aufbauen. Im Plates merkt man zudem, dass es zwei Seatings gibt. Während man zum zeiten Seating ankommt, verlassen die meisten Gäste aus dem ersten Seating das Restaurant, was erst einmal für eine gewisse Unruhe sorgt.
Insgesamt ist das Plates ein gutes veganes Fine-Dining-Restaurant. Wenn ich in London wohnen würde, würde ich es auf jeden Fall noch einmal besuchen, um einen zweiten Eindruck zu gewinnen. Bei meinem ersten Besuch fiel es im Vergleich zum mittlerweile ebenfalls mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten JOLA etwas ab.
Bewertung
- Essen 7,5/10
- Service 7/10
- Ambiente 7/10
- Gesamtwertung: 7,5/10
Anschrift
Plates Restaurant
320 Old St
London EC1V 9DR
Vereinigtes Königreich
plates-london.com














