Wir haben schon geahnt als wir am 07.03.2020 zum Weinsinn nach Frankfurt gefahren sind, dass das möglicherweise unser letzter Gourmetrestaurantbesuch für lange Zeit sein würde. Wir hatten eigentlich geplant im April ins Elsass zu fahren und dort in die wunderbare einfach besternte Auberge Frankenbourg und unsere jüngste Neuentdeckung, die Auberge Chez Guth, zu besuchen. Anfang Mai wollten wir dann zu einem Konzert nach München und am Abend vorher in das TIAN München. Aber dazu kam es dann nicht mehr.
Wir haben uns entschieden jetzt zumindest den Besuch im TIAN nachzuholen, nachdem das Konzert auf Februar 2021 verschoben wurde.
Das TIAN in Wien hatten wir bereits im März 2018 besucht. Paul Ivić ist eine absolute Institution was die vegetarische Küche angeht. Das TIAN Wien war für lange Zeit das einzige besternte vegetarische Restaurant in der deutschsprachigen Gegend. Irgendwann gab es dann einen Ableger in München und seit Anfang 2019 hat auch der Ableger den Stern vom Guide Michelin ergattert. Paul Ivić ist auch für das TIAN München verantwortlich. Die Küchenleitung hat Christian Schagerl, der seine Ausbildung unter anderem im Überfahrt genossen hat.
TIAN, München
Gegenüber des Viktualienmarkts gelegen, wirkt das TIAN an diesem Samstagabend von außen unspektakulär. Dazu trägt zusätzlich bei, dass bei unserer Ankunft vor dem Haus mehrere Polizeiautos parken, die offensichtlich die Einhaltung der Corona-Bestimmungen in der Gegend kontrollieren. Man muss sich erst an diese Sondersituation gewöhnen.
Der Innenraum ist langgezogen und hat nur an der Straßenseite Fenster. Wir nehmen im mittleren Teil an einem großzügigen Zweiertisch Platz. Die Inneneinrichtung ist nett anzusehen. Mir fehlt ein bisschen das Tageslicht. Ob die Bestuhlung aufgrund der Corona-Bestimmungen geändert wurde, weiß ich nicht. Es ist auf jeden Fall sehr viel Platz zu allen Nebentischen, die an diesem Abend alle besetzt sind. Es ist in Bayern das erste Wochenende an dem die Restaurants wieder öffnen dürfen.
Der Tisch selber ist außer mit einem Stück Holz wenig dekoriert. Irgendwie wirkt der Tisch aber etwas unruhig, weil viele Dinge darauf liegen. Die Weingläser von MARKTHOMAS sind allerdings so schön, dass wir sie direkt am nächsten Tag für zuhause bestellt haben.
Das Menü liegt in gedruckter Form vor. Zur Auswahl gibt es zwischen 4 und 6 Gängen. Die Weinkarte muss über einen QR-Code gescannt und am Smartphone angesehen werden. Ich nehme an, dass dies wahrscheinlich eine Hygienemaßnahme ist.
Der Service ist stets aufmerksam und freundlich. Es ist dem Servicepersonal anzumerken, dass man trotz Maskenpflicht und besonderer Hygienevorschriften den Gästen ein besonderes Erlebnis bieten möchte. Das ist sicher nicht einfach, gerade weil die Gäste ein Großteil des Gesichts der Bedienungen nicht sehen können und daher die Emotionen teilweise auf der Strecke bleiben. Zudem wird es unter der Maske, die hier stets vorbildlich getragen wird, sehr heiß. Es wird auch wirklich sehr strikt auf die Einhaltung aller gesetzlichen Bestimmungen geachtet. Selbst auf der Toilette gibt es einen Mann, der die Toilettentüren öffnet und nach jedem Besuch alle Gegenstände desinfiziert.
Das Menü
Wir entscheiden uns für das 5- (ohne Käse) bzw. 6-Gang-Menü. Zudem nehmen wir auch die Weinbegleitung. Wir hatten vorab gelesen, dass diese vorwiegend Naturweine enthält. Darauf wird man aber bei der Bestellung nicht hingewiesen. Die Weinkarte enthält auch viele „normale“ Weine.
Nach dem obligatorischen Brot mit Butter startet der kulinarische Teil des Abends mit dem Gruß aus der Küche: Kohlrabiflan mit Apfel und Blattsalatemulsion. Leider ist die Emulsion etwas geschmacksarm und so bleibt ein Kohlrabibrei, der allerdings sehr lecker ist.
Die Vorspeise nennt sich Junger Lauch (Artischocke, Kalamata Olive). Es findet sich Lauch in drei verschiedenen Zubereitungsarten, sowie ein Artischockenkringel der mit einer Olivenpaste überzogen ist. Gerade die Artischocke mit der Olive ist ein völlig neues Geschmackserlebnis, das ich bisher so nicht kannte. Sehr tolle Komposition. Der Lauch ist ebenfalls gut, aber kommt nicht an den genialen Lauch heran, den ich letztes Jahr in der Marktküche in Zürich genießen durfte.
In der Weinbegleitung gibt es dazu einen Sauvignon Blanc vom Zehnthof Luckert. Ein angenehm leichter Start.
Als zweiten Gang gibt es Billesberger Ei (Giersch, breite Bohnen). Eine sehr gute Kombination mit einem leckeren Ei in der Mitte und unten drunter (hier nur andeutungsweise zu sehen) eine Art Gierschpesto. Dazu Bohnen, Zwiebel und Koriander. Ein tolles Geschmackserlebnis, sehr herzhaft und einfach lecker. Das Ei ist stammt vom Billesberger Bio-Hof, Billesberg ist also keine besondere Art der Zubereitung.
Dazu gibt es einen Weißburgunder von Odinstal, der irgendwie nicht mein Fall ist (aber 93/100 bei Parker).
Es wird im dritten Gang noch etwas herzhafter mit Pfifferlingen (Erbsen, Rundkornreis). Es finden sich hier feine Pfifferlinge in einem Pilsfond sowie gebackener Sushi-Reis und dazu Zuckerschoten. Das ist wirklich eine sehr gute Idee. Man schmeckt sofort, dass es sich um echten Sushi-Reis handelt und auch die Idee das zu backen ist sehr gut. Aber für mich ist die Konsistenz des Reis etwas ungewöhnlich, auch wenn der Geschmack sehr gut ist. Die Pfifferlinge und Zuckerschoten sind von hoher Qualität. Ein guter Gang, aber für mich nicht perfekt.
In der Weinbegleitung gibt es Grüner Veltliner Manila von Hans u. Anita Nittnaus. Auch das ist ein Wein, der mir nicht so zusagt.
Zum Hauptgang gibt es Blumenkohl (Mangold, Buchweizenmiso). Es handelt sich um gegrillten Blumenkohl, also eigentlich ein sehr einfaches Standardgericht, das man vielleicht auch mal zuhause gegessen hat. Aber dazu gibt es Buchweizenmiso. Versteckt auf dem Bild unter dem Miso findet sich von ein Ravioli, der mit Blumenkohlsuppe gefüllt ist. Wirklich ein schöner, stimmiger Gang mit einem runden Geschmackserlebnis.
Dazu gibt es einen Zweigelt Olé! von Lichtenberger & Gonzalez, der für mich so gar nicht zu dem Gericht passt.
Der Käsegang nennt sich Moelleux de Revard (Zierapfel, Emmer, Sumah). Ich liebe Käse und ich finde es toll, wenn im Restaurant der Käsewagen angerollt kommt, weil das so spektakulär aussieht. Aber eigentlich finde ich Käsegänge meistens langweilig, auch wenn man natürlich spannenden Käse testen darf. Ich mag es lieber, wenn der Käse in eine Komposition eingebunden wird, wie beim TIAN. Hier findet sich unter den Walnusskräckern der sehr aromatische, weiche Kuhmilchkäse Moelleux de Revard. Dazu gibt es eine Art Apfelmus. Sehr lecker und leider fast zu klein (insbesondere, wenn Dani diesen Gang auslässt, aber dann doch probieren will).
Dazu gib es von Wolfer Sonnenlay einen Riesling Spätlese, der mich wieder etwas mit der Weinbegleitung versöhnt.
Als Pre-Dessert gibt es Spargeleis mit Blattsalat und Kürbiskernen. Das Spargeleis schmeckt sehr lecker. Habe ich letztes Jahr schon mal in der Auberge Chez Guth gegessen (dort gab es auch ein Bier-Dessert). Genial ist die Kombination mit dem Blattsalat mit dem sehr feinen Dressing. Macht Laune!
Das Dessert nennt sich Rhabarber (Vanille, Agria, Kartoffel, Hibiskus). Ein tolles Vanilleeis mit Rhabarbertupfern, Hibiskus und darunter versteckt ein Quarkbällchen. Eigentlich bin ich der Dessert-Fan, aber Dani hat diesen Gang sofort zu ihrem Lieblingsgang auserkoren. Das Vanilleeis ist vorzüglich, aber das Quarkbällchen toppt das nochmal. Sehr lecker.
Wäre da bloß nicht die Weinbegleitung: Ordinaire von Claus Preisinger. Ein prickelnder Rose-Wein. Ich wusste ja, dass es in der Weinbegleitung Naturweine geben würde und ich stehe dem auch offen gegenüber. Aber irgendwie wirkten für mich die meisten Weine wie Fremdkörper in dem Menü.
Zum Abschluss gibt es noch vier leckere Pralinen zum guten Espresso.
Fazit
Es war auf jeden Fall sehr schön nach dem Shutdown mal wieder in ein Gourmetrestaurant gehen zu dürfen. Trotz der besonderen Umstände, hat das Team vom TIAN seine Sache wirklich gut gemacht.
Nach dem Besuch, habe ich überlegt, warum ich nicht restlos begeistert bin. Das Essen war wirklich von hoher Qualität, mit einigen Überraschungen und kreativen Ideen. Die Weinbegleitung dagegen war eher nicht mein Fall, aber ich wusste ja vorher worauf ich mich eingelassen hatte. Aber insgesamt ist der Funke bei mir nicht übergesprungen. Das interessante ist, dass es mir im TIAN im Wien schon ähnlich ging. Auch dort war das Essen sehr gut und kreativ, aber das Erlebnis war insgesamt nur durchschnittlich.
Woran das liegt? Ich habe jetzt fast eine Woche darüber nachgedacht, aber so richtig weiß ich es nicht. Vielleicht lag es auch einfach an mir und dem Umstand, dass es einfach schwierig ist sich zu entspannen, wenn alle mit Masken herumlaufen.
Bewertung
- Essen 8/10
- Service 7/10
- Ambiente 6/10
- Gesamtwertung: 7,5/10
Anschrift
TIAN München
Frauenstraße 4
80469 München
www.tian-restaurant.com/muenchen












